Zufriedenheit
Essay

Zufriedenheit

Ein eingravierter Spruch im Nonnenkloster Chi Lin in Hongkong heißt: „Suche beim Erledigen deinen Angelegenheiten nicht den einfachen Weg. Ohne Hindernisse wirst du stolz und extravagant. Solche Gedanken beeinträchtigen alle anderen. Daher betrachtet ein heiliger Mensch die Mühe als Weg zur Freiheit.“

Ein ewig stabil bleibendes, gleiches Zufriedenheitsmaß für den Rest des Lebens würde sich jeden Tag wie den Vorherigen anfühlen lassen. Die Gefühlsantwort auf das Zufriedenheitsniveau würde uns nach kurzer Zeit kein Glück mehr bescheren, auch wenn diese Menge Zufriedenheit uns möglicherweise einst zu Glücksgefühlen verführte.

Zufriedenheit

Das Verhältnis eines Zustandes zu einem anderen; eine Veränderung, die eine Verbesserung eines Zustandes bewirkt – nicht eine quantifizierbare Qualität – erweckt Freude. Ohne die Beziehung, die den einen Zustand zum Nächsten ins Verhältnis setzt, fällt es der Freude schwer sich von der Gewöhnlichkeit der alltäglichen Langeweile hervorzuheben. Die Vergangenheit erscheint im Licht der Gegenwart und die Gegenwart im Licht der Vergangenheit.

Das Ringen um Glück bestimmt unser Verhältnis zu Glück und Unglück. Es muss viel und wenig Glück geben, weil viel nur im Verhältnis zu wenig, viel ist.

Dass ältere Menschen sich an kleinen Dingen, wie Blumen und Licht, leichter erfreuen als Workaholics mit ihren selbst angelegten Scheuklappen liegt daran, dass ihre Wertschätzung sich im Laufe des Lebens skaliert hat. Gutes wird nicht mehr leichtfertig hingenommen und Schlechtes nicht mehr als unüberwindbares Übel betrachtet. Großes und Unbedeutendes tritt in den Hintergrund – vielleicht ist nicht mehr viel Zeit, aber der Moment ist da, solange der Atem einen nicht im Stich lässt – wenn nichts anderes mehr zählt als ein weiterer Augenblick häufig verkannter Schönheit.

Die Bedeutung kleiner, schöner Dinge ist die Abwesenheit des Beschwerlichen, Schmerzlichen, Hässlichen und des Chaos. Sie sind Freude und Erleichterung in einer Welt, in der immer etwas auffindbar ist, das es wert ist, die Augen abzuwenden und die Gedanken bewusst zu zerstreuen. Aber mit Ruhe, Muße und Zeit drängen sich einem auch all die Dinge auf, die es wert sind, allen Sinnen ihr Sinnen zu erlauben.

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